René Jeanneret und Paul Balmer - Mehrfache Solarweltmeister


René Jeanneret ist Jahrgang 1931 und wird  als "Vater" der Solarmobile "Spirit of Biel" bezeichnet. Als Vizedirektor an der Ingenieurschule Biel entwickelte er die Elektronik verschiedenster Elektromobile. Im wohl bekanntesten Rennen, der "World Solar Challenge" in Australien wurde er 1990 Weltmeister. Für seine Arbeiten erhielt er mehrere renommierte Preise wie den IEA-Award oder den Schweizer Solarpreis.

Paul Balmer ist Jahrgang 1942 und war als Assistent an der Autoabteilung der Ingenieurschule Biel für den autotechnischen Teil der erfolgreichen Solarmobile verantwortlich. Er war bei allen wesentliche Erfolgen der Bieler Elektrofahrzeuge der verantwortliche Fahrer.



René Jeanneret und Paul Balmer und ihre Teams stehen massgeblich hinter den Erfolgen der Ingenieurschule Biel in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Sowohl an der Tour de Sol (1985-1993) wie an der World Solar Challenge in Australien in den Jahren 1987-1996 konnten sich die Vertreter der Automobilabteilung an der Ingenieurschule Biel  in Szene setzen. An beiden grossen Rennanlässen wurde der damals offizielle Weltmeistertitel gewonnen und insbesondere der Sieg in Australien 1990 ging um die Welt.

René Jeanneret hatte die Idee, an der Tour de Sol 1985 teilzunehmen und das Wissen der Ingenieurschule in die Entwicklung eines konkurrenzfähigen Fahrzeuges einzubringen. Er stellte sein Wissen in Sachen Elektronik und Antriebstechnik zur Verfügung, allerdings weitgehend in der Freizeit, weil der damalige Direktor das Unterfangen eher skeptisch beurteilte. Unterstützt wurde er im autotechnischen Teil durch Paul Balmer und dessen Kollegen Furrer und Krähenbühl, die von der Idee begeistert waren. Paul Balmer war zudem der verantwortliche Fahrer, der sich schon früh für Autorennen begeistert hatte.

Die Leitung der Schule stellte sich nach anfänglichem Zögern hinter die Projekte und insbesondere der neue Direktor Fredy Sidler unterstützte die Pioniere massgeblich bei ihrer Arbeit.


 

Für die erste Teilnahme an der Tour de Sol wurde in dreimonatiger Arbeit ein Fahrzeug gebaut, das primär durch eine grosse Solarfläche auffiel und weniger durch Eleganz oder Autodesign. Die Ingenieurschule schaffte es aber schon in der ersten Durchführung auf den 2. Platz, hinter dem mit grösseren Mitteln angetretenen Team Mercedes Alpha Real.

 

Wegen seiner Form erhielt das Fahrzeug den Namen "Banane"

 

 


 

 

An der Tour de Sol 1986 wurde die Ingenieurschule mit dem "Sunpacer" erster offizieller Weltmeister der Kategorie Rennsolarmobile.


Im Jahr 1987 wurde in Australien mit der "World Solar Challenge" erstmals ein Solarmobil-Langstreckenrennen ausgetragen, an dem die Ingenieurschule Biel mit einem Fahrzeug teilnahm, das aus den Tour de Sol-Mobilen weiterentwickelt worden war. Das Fahrzeug war nun viel windschlüpfriger und damit auch eleganter geworden. Technische Erfahrungen wurden laufend eingebaut.

 

An der ersten Austragung wurde die Ingenieurschule Biel mit dem Fahrzeug "Spirit of Biel/Bienne I" Dritter. Wegen einer Kollision mit einem Personenwagen in Alice Springs musste der Fahrer im Spital verarztet werden. In sechs Stunden konnte man das Solarmobil reparieren, wobei im Ziel der Rückstand auf den zweiten Platz nur zwei Stunden betrug.

 

Die World Solar Challenge gilt als das härteste Rennen für Solarfahrzeuge der Welt. Die Rennstrecke führt auf öffentlichen Strassen über rund 3'000 Kilometer quer durch Australien von Darwin im Norden nach Adelaide an der Südküste. Seit 1987 messen sich am Stuart Highway Teams aus der ganzen Welt. Die meisten kommen von Universitäten oder aus der Automobilindustrie, einige auch von Schulen. Wichtigstes Ziel des Wettbewerbes ist die Förderung und publikumswirksame Präsentation der Forschung und Entwicklung im Bereich von Solarfahrzeugen. Gestartet wird in verschiedenen Kategorien, wobei die Fahrzeuge Auflagen betreffend Solarpanelgrösse, Minimalmasse, Batteriekapazität, Strassentauglichkeit etc. erfüllen müssen. Das 2006 überarbeitete Rennreglement lenkte die Entwicklungen in Richtung alltagstauglicher Lösungen für den Strassenverkehr.


 

 

Schon am 2. Rennen in Australien im Jahre 1990 wurden die Bieler Weltmeister. Das gab in der Schweiz und weltweit grosses Aufsehen, konnte sich die Schule doch gegen Teams behaupten, hinter denen grosse Autofirmen standen. Insbesondere das japanische Team von Honda ärgerte sich gewaltig über die Niederlage gegen eine technische Schule.

 

Das Fahrzeug trug den Namen "Spirit of Biel/Bienne II" und die Startnummer 100 wurde gewählt, weil die Ingenieurschule in diesem Jahr das hundertjährige Jubiläum feiern konnte.

 

 


Auch in den folgenden Jahren konnte sich die Ingenieurschule immer wieder in den vordersten Rängen klassieren.

Im Jahre 1993 kam es zum Revanche-Kampf gegen Honda, das gewaltige Mittel einsetzte, um die Schweizer endlich zu schlagen. Wegen kleinerer technischer Probleme mit der Verkleidung der Räder und mehr Wolken am Himmel konnte die "Spirit" ihr Potential nicht ganz ausschöpfen; ausserdem waren die japanischen Solarzellen leistungsfähiger und so wurden die Bieler nur Zweite. Allerdings sind bis heute nicht alle Zweifel ausgeräumt, weil Honda im Unterboden des Lastwagens, in dem das Solarmobil über Nacht lagerte, ein Batteriepack mit Hochstrom-Schnelladeregler eingebaut hatte.

 

Mit dem "Spirit of Biel/Bienne IlI" wurden im Jahre 1996 10 neue Geschwindigkeits- und Distanzweltrekorde aufgestellt, darunter eine Höchstgeschwindigkeit von 161 km/h. Damit wurde der damalige Rekordhalter General Motors weit in den Schatten gestellt. Die vielen Rekorde sind im Guiness Buch der Rekorde 96 eingetragen.

 

Schliesslich übernahm eine ad-hoc Studentengruppe aus Bieler Berufs- und Technikerschulen das "Occasionsfahrzeug", tauften es um auf "sCHooler" und beteiligten sich 1996 am Rennen in Australien. Obwohl das Fahrzeug nur leicht modifiziert wurde, gelang eine Verbesserung der Zeit des "Spirit of Biel III" von 1993. Weil Honda mit einem neuen "Dream" einen Zweisitzer an den Start brachte, durfte auf dem Solarmobil eine deutlich grössere Solarfläche montiert werden, die wesentlich mehr Energie liefern konnte. Das Bieler Team erreichte mit dem 2. Platz eine völlig unerwartete Spitzenplatzierung, die den damaligen Konstrukteuren des "Spirit of Biel/Bienne III" nachträglich eine Ehrenmeldung für das insgesamt vielleicht beste Fahrzeug bis 1996 einbrachte.


Insgesamt ein unglaublicher Erfolg einer kleinen Ingenieurschule in der Schweiz, der nur mit dem Enthusiasmus der Verantwortlichen René Jeanneret und Paul Balmer und der Mithilfe eines begeisterungsfähigenn Direktors Fredy Sidler und einem hervorragenden Team von Ingenieuren und Mitarbeitern auf allen Stufen erklärt werden kann. Es zeigt sich auch für die junge Studenten-Generation, die tatkräftig mithelfen konnte, dass Begeisterung und Hartnäckigkeit selbst gegen grosse Autofirmen und Universitäten Erfolg bringen kann. 


Hier alle Rennsolarmobile der Ingenieurschule Biel in den Jahren 1985 - 1993


Interview mit René Jeanneret

 

1. Was war der Auslöser, dass Sie sich mit Solarmobilen befassten?

Ich begann meine berufliche Tätigkeit im Versuchslabor der BBC und befasste mich dort mit Gleichstrom- und Wechselstrom-Bahnmotoren. Ein Jahr später begann ich meine Lehrtätigkeit am Abendtechnikum, wechselte dann an die Gewerbeschule Biel, um schliesslich an der Ingenieurschule Biel das Fachgebiet Industrie-Elektronik  aufzubauen und zu betreuen. Meine erste Entwicklung war 1976 ein Antrieb für ein Fahrzeug der Compagnie Vaudoise d'Electricité namens "Zagato". Für den Autohersteller VW entwickelten wir 1982 den elektronischen Antrieb mit der ganzen Steuer- und Regelelektronik für einen Hybrid-Golf. Ein weiteres interessantes Projekt war die Entwicklung von Antrieb und Steuerung für zwei elektrische Fourgons der damaligen PTT. 

Im Jahre 1985 nahmen wir erstmals an der Tour de Sol teil. Ich hatte einige Mühe, den damaligen Direktor von der Teilnahme zu überzeugen. Er fürchtete einen Imageschaden, falls wir nicht erfolgreich wären. So musste ich in der Freizeit und den Ferien mit zwei Tessiner Studenten im Rahmen einer Semesterarbeit das erste Fahrzeug entwickeln. Die autotechnische Abteilung lieferte aber ein ausgezeichnetes Gefährt, das uns schon bei der ersten Teilnahme auf den 2. Platz führte. In folgenden Tour de Sol-Teilnahmen entwickelten wir dass Fahrzeug weiter. Für die Firma Bucher lieferten wir 1986 den Antrieb für das Fahrzeug "Spider" und in der Folge für die "Piccolo"-Modelle. 1987 nahmen wir erstmals an der World Solar Challenge in Australien teil und wurden auf Anhieb Dritte. Unter dem Namen "Spirit of Biel" entwickelten wir 3 Rennsolarmobile, die erfolgreich konkurrierten. 1990 gewannen wir das Rennen vor allen Teilnehmern, die zum Teil die Unterstützung grosser Autofirmen genossen. 

 

2. Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht Ihr Projekt, Was hat es der Entwicklung der Elektromobilität gebracht. 

Entscheidend war wohl der Beweis, dass es mit dem Willen, etwas zu verändern, möglich ist, hohe Ziele anzusteuern und zu erreichen. Ich konnte viele Patente anmelden und wurde natürlich als Berater für Neuentwicklungen beigezogen wie damals zum "Swatchmobil", das in der geplanten Form allerdings die Serienreife nicht erreichte. 

 

3. Wie beurteilen Sie die heutigen marktgängigen Elektromobile? Genügen sie den Anforderungen?

Ich halte das Angebot für gut. Die Autos entsprechen der modernen Automobiltechnik. Die einzige Schwachstelle sind noch die Batterien, die einiges leistungsfähiger sein sollten. Wir dürfen da aber noch wichtige Fortschritte erwarten, was dann das Problem der Reichweite fast lösen kann.

 

4. Beschäftigen Sie sich noch weiter mit Elektrofahrzeugen?

Nein. Nach meiner Pensionierung habe ich ein eigenes Ingenieurbüro eröffnet und ich habe mit meinem Nachfolger Dr. Andrea Vezzini den weltweit ersten elektrischen Segler für die Firma Lange in Deutschland gebaut. Ich habe den Motor entwickelt (Drehmoment 200 NM bei 1600 Um/min. und einem Gewicht von nur 28 kg). Andrea hat die ganzen elektronischen Teile gebaut und als Energiequelle Akkumulatoren der Firma Saft gewählt. Für einen französischen Unternehmer, der eine neue Turbine für Flusskraftwerke erfunden hat, bei dem die Fische unbeschadet die Turbine durchqueren können, habe ich die Permanentmagnet-Generatoren ohne Zwischengetriebe berechnet. Der Erfolg ist sehr gross, weil die Fischer zufrieden sind und die Umweltschützer auch (kein Lärm der Getriebe und kein Öl im Wasser bei nicht dichten Getrieben).


Interview mit Paul Balmer

 

1.    Was war der Auslöser, dass Sie sich mit Elektromobilen befassten? Und wann war das?

Ich wollte schon früh Autorennen fahren. Ich stellte aber bald fest, dass man - wenn man Rennen fahren will - etwas mehr verstehen sollte als ein Mechaniker. So liess ich mich von der Ingenieurschule Biel anstellen und wurde  Assistent in der Autoabteilung. Statt Rennen zu fahren, sass ich also zuerst im Büro. Bald aber kam die Anfrage von René Jeanneret, ob ich mitmachen würde an der Tour de Sol. Ob wir das Fahrzeug bauen könnten, er liefere dann die Elektronik. Das war genau das, was ich wollte, Auto bauen und Rennen fahren. Der damalige Vorsteher der Autoabteilung, Herr Komminoth, akzeptierte das Projekt. Für Teilfragen und einzelne Aufgaben konnten wir auch Studenten einsetzen. Das Projekt startete im Jahre 1985.

 

2.    Wie kamen Sie zu Ihrem ersten Prototypen? Was war das für ein Gefährt?

Ich wollte etwas Perfektes machen. Ich liess mich von der Formel 1 inspirieren. Damals verwendeten wir Glasfaser-Kunststoff. Wir hatten aber für das Rennen 1985 mit nur 3 Monaten Vorbereitung nicht genügend Zeit. Als ersten Schritt konstruierten wir deshalb ein Gefährt, etwas zwischen Velo und Rollstuhl. So entstand das (oben abgebildete) gelbe Fahrzeug mit Velorohren und Armee-Skistöcken als Aufhängung. Diese speziell gefertigten Skistöcke waren Molybdän-Stahlrohre, leichter als Aluminium und bruchfester. Die Dreieck-Lenker waren aus dem gleichen Material. Dann ging ich den Velogeschäften nach und stellte fest, dass wir in Biel die weltbesten Velospeichen hatten. So konnten wir ein Rad entwickeln, das sehr gut Seitenkräfte aushalten konnte. Das waren ganz spezielle Räder. Der Rollwiderstand war gut, wir konnten mit 10 Bar pumpen. Der Antrieb ging über 2 parallele Ketten, die immer gerade gelaufen sind und eine Veloübersetzung. Eingesetzt wurden 2 Scheibenläufer-Motoren. Wir hatten 120 Kg Blei-Batterien an Bord statt 35 kg Silber-Zink. Das benachteiligte uns gegenüber dem Alpha-Real-Team von Mercedes. Das Fahrzeug nannten wir wegen Form und Farbe "Banane". 

 

3.    Existiert dies Fahrzeug noch?

Es steht heute bei der Firma Jenni in Oberburg, quasi im Museum. Auch das zweite Fahrzeug, mit dem wir 1986 an der Tour de Sol den Weltmeistertitel holten, das Fahrzeug "Sunpacer" steht bei Jenni und kann besichtigt werden.

 

4.    Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht das Engagement der Ingenieurschule für die Entwicklung der Elektromobilität? 

Da gab es einzelne Entwicklungen, wo wir Beiträge leisten konnten wie z.B. die Aerodynamik für das Studium; wir konnten mit dem fertigen Fahrzeug in den Windkanal in Emmen. Oder die Reifen: Michelin war beeindruckt und machte für uns einen speziellen Reifen. Der war optimiert für den Rollwiderstand, hatte aber überraschend eine weiche Karkasse und entsprach nicht einem Rennvelopneu mit 10 Bar. Ab 1993 wollten wir eigentlich in Australien nicht mehr teilnehmen. Uhrenbauer Hayek war aber so begeistert, dass er uns nach dem Sieg 1990 erneut nach Australien einlud.  Er wollte dort sein neues Mobil zeigen und wir sollten die Promotion unterstützen. Wir erhielten CHF1 Mio und wurden dann noch Zweiter. Das half unserer Bekanntheit. So konnten wir in der Industrie viele Türen öffnen. Unsere Elektronik half auch weiter. Die Firma "Solarmax" ging daraus hervor. Wir inspirierten auch Mechanik und Aerodynamik, so haben wir die Radlager optimiert. Wir hatten z.B. Kohle-Aufhängungen bevor die Formel 1 das einsetzte. Wir bauten sogar einen Prüfstand, um die Reifen auf Verhältnisse wie in Australien zu testen. Das alles war natürlich auch sehr interessant für die Studenten.

Wir mussten aufhören, weil man in einer späteren Phase nur noch mit viel Geld  kleine Verbesserungen erreichen konnte. Die Grenzkosten überstiegen unsere Möglichkeiten bei weitem.

 

5.    Wie beurteilen sie die heute marktgängigen Elektromobile? Genügen Sie den Anforderungen?

Mit dem Tesla bin ich gar nicht glücklich. Das ist ja eher ein Rennfahrzeug. Ich sähe lieber ein Alltagsfahrzeug, das gut und sicher ist. Ich verfolge allerdings diese Entwicklungen nicht mehr intensiv. 

 

6.    Was für ein Elektromobil fahren Sie heute? Welches Auto würden Sie gerne fahren, wenn der Preis, etc. keine Rolle spielte?

Keines. Mir ist alles zu pompös, zu gross. Ich fahre lieber Velo in der Stadt.

 

7.    Wo sehen Sie die Zukunft des Elektromobils? Chancen und Risiken?

 Die Elektromobilität muss sich durchsetzen und das wird sicher kommen. Mit Strom zu fahren ist jedenfalls wesentlich zukunftsträchtiger als mit Benzin und Diesel.